„Die Hobbits nannten alles, was zum Hoheitsgebiet ihres Thains (d.i. das gewählte Oberhaupt der Hobbits) gehörte, das Auenland; und auf diesem behaglichen Fleckchen Erde richteten sie sich ein und gingen den achtbaren Geschäften ihres wohlgeregelten Lebens nach. Immer weniger kümmerten sie sich um die Welt ringsum, wo man dunklen Gestalten begegnen konnte, und schließlich meinten sie, dass Friede und Überfluss in Mittelerde die Regel seien und allen vernünftigen Leuten von Rechts wegen zustünden.“

(J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe)

Lange vor der Herr-der-Ringe-Verfilmung durch Peter Jackson hatte ich ein Bild vom Auenland. Leider ist es unter dem Eindruck der imposanten Leinwand-Inszenierung verblichen. Ich weiß nur noch, dass mein Auenland ein wirklich schöner Ort war. (Nebenbei: Was passiert eigentlich mit all den Kostümen, Kulissen und Masken unserer Phantasie, nachdem wir uns die Verfilmungen unserer Lieblingsbücher angeschaut haben?) Die Vorstellung fiel mir überhaupt nicht schwer, vielleicht weil ich in einem Dörfchen an den nicht minder idyllischen Ederauen aufgewachsen bin.

Das Auenland taugt gewiss als Bild für Vieles, unsere Stimmung in Mitteleuropa erklärt es erstaunlich treffend. Nach dem Ende des Kalten Krieges machte sich eine große Erleichterung breit. Vielleicht würden wir nun ja doch unbeschwert und weitgehend sorgenfrei leben können. So gingen viele den (mehr oder weniger) „achtbaren Geschäften ihres wohlgeregelten Lebens nach“. Bald schien es, dass „Friede und Überfluss in Mitteleuropa die Regel seien“. Gegen diesen Traum ist gar nicht einzuwenden. Er wird so oder so wohl von jedem Menschen geträumt.

2001 zerbrach mit dem Anschlag auf das World-Trade-Center der Traum von Sicherheit. Wie sollte man sich von nun an schützen, wenn Attentäter nichts auf ihr Leben gaben? 

2008 führte die Insolvenz von Lehman Brothers zu weltweiten finanziellen Verwerfungen. Banken zeigten sich weit zerbrechlicher, als wir bisher angenommen hatten. 

2014 annektierte Russland die Krim. Ein kriegerischer Konflikt hatte mit der Ukraine die Grenze der EU erreicht. 

2015 reisten ca. 2 Mio. Flüchtlinge in die EU ein, die meisten kamen aus den kriegsgebeutelten Staaten Afghanistan, Irak und Syrien. 

Ende 2019 verbreitet sich das Corona-Virus von China aus über die ganze Welt. Es hat das Leben bis in die letzten idyllischen Winkel des Landes verändert, niemand ist vor ihm sicher. Doch es bedroht längst nicht mehr nur das Leben, sondern auch das gesellschaftliche Miteinander.

Unser behagliches Fleckchen Erde kann sich den Herausforderungen nicht entziehen, schützenswert ist es gleichwohl.

Foto: Blickfang, „Frühlingswiese“, CC-Lizenz (BY 2.0), https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de, Quelle: www.piqs.de

Zitat: Klett-Cotta-Ausgabe, 9. Aufl. 2001, S. 21