Schäferblog

Menü Schließen

Autor: schaefer83a@t-online.de

Strafe Gottes

Wenn ich aktuell „Strafe Gottes“ in meine Suchmaschine eingebe, haben die ersten Ergebnisseiten fast durchgängig mit Corona zu tun. In vorderster Front finden sich namhafte Bischöfe, die sich auszuschließen bemühen, dass die Pandemie etwas mit Gott zu tun haben könnte. Ein fast vergessen geglaubtes Thema hat es bis auf die Titelseiten geschafft. Ich staune über die Gewissheit, mit der sich hier zu Wort gemeldet wird. Immerhin ist Strafe Gottes ein wiederkehrendes, wenn auch nicht beherrschendes Thema der Bibel. Ja, Epidemien werden sogar ausdrücklich in der Liste möglicher Strafmaßnahmen geführt (5. Mose 28,59+60 u.a.).

Woher rührt der fast hektische Richtigstellungsreflex – weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Doch zu bestreiten, dass Gott gelegentlich straft, klingt so aussichtslos wie zu ignorieren, dass Politessen von Zeit zu Zeit Strafzettel verteilen und Hunde, wenn auch selten, beißen.

Nach allem, was uns überliefert ist, müssen wir wohl dazu stehen, dass unser Gott auch straft, d.h. auf ein offenkundiges Fehlverhalten einen schwerwiegenden Nachteil folgen lässt. Das tut er längst nicht immer aber wohl auch nicht nie.

Die Schwierigkeit ist, dass wir eigentlich ständig hinter seinen guten Zielen zurückblieben, ob als einzelne, ob als Gesellschaften oder gar Weltgemeinschaft. Am komfortabelsten lässt sich über die globalen Versäumnisse lamentieren: wir verbrauchen die Ressourcen künftiger Generationen, wir schauen weg, um gute Geschäftspartner nicht zu vergraulen, wir zementieren Ungleichheit statt sie zu verringern. 

Nur wer will sagen können, ob eine Katastrophe, ein Krieg oder eine Krankheit eine (verdiente) Strafe oder einfach nur ein großes Unglück ist?

Als 1525 die Pest in Breslau wütete, wurde Martin Luther vom einem der dortigen Pfarrer um seine Einschätzung gebeten. Luther war selbst in dieser Zeit sehr angeschlagen und antwortete dadurch erst 1527 (veröffentlicht unter dem Titel „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“). Mittlerweile war die Pest auch in Wittenberg angekommen, Luther blieb jedoch gegen den Wunsch seines Landesherrn in der Stadt, predigte und begleitete die Infizierten wie die Hinterbliebenen seelsorgerlich. 

Obwohl Luther es sonst nicht an Klarheit fehlen lässt, ist er in der Bewertung der Pest erstaunlich zurückhaltend. Ja, die Pest mag eine Strafe sein, doch verbindlich äußert er sich nicht. Luther denkt hier wohl an eine Art göttliche Zulassung: „der Feind (der Teufel) hat uns durch Gottes Verhängnis Gift und tödliche Krankheit herein geschickt“. Sinn und Zweck des Ganzen bleiben offen. Die Vorstellung eines göttlichen Mahnrufs scheint ihm fern zu liegen. Gott warnt und mahnt klar und deutlich durch sein Wort. Wozu bräuchte es da noch der Pest! 

Viel wichtiger ist ihm, wie die Menschen mit dieser Bedrohung umgehen. Sollen sie der Ausbreitung der todbringenden Krankheit passiv (= gottergeben) zuschauen? Das kann er nicht sehen. Alles Unglück ist erst einmal das zerstörerische Werk des Teufels und damit gegen das gottgeschenkte Lebensglück gerichtet. 

Deshalb wäre Ergebenheit grundfalsch. Luther vergleicht eine solche Haltung mit einem Menschen, der einem Brand zuschaut statt zu löschen und die Bewohner zu retten, oder mit einem anderen, der im Winter friert statt sich am Herd zu wärmen.

So geht Luther erstaunlich nüchtern und sachkundig mit der Epidemie um: Er sieht zum einen die Menschen mit einer seelsorgerlichen oder öffentlichen Verantwortung. Diese Verantwortung müssen sie wahrnehmen und dafür sogar gesundheitliche Risiken eingehen. Auch Ehepaare, Familienangehörige und Hofgemeinschaften sind füreinander verantwortlich. Dieses berechtigte Verantwortungsgefühl hat in den letzten Wochen manch einen zerrissen: Hygiene ist das eine, doch die Fürsorge für die (Beziehungs-) Bedürftigen ist ein ebenso hoher Wert.

Doch wer keine solche unmittelbare Verantwortung trägt, den sieht Luther frei, sich außer Gefahr zu bringen. Es hat fast etwas Amüsantes, welche biblischen Beispiele er für die Eigenverantwortung gegenüber dem eigenen Wohlergehen findet (Abraham, David, Elia). So mahnt Luther, die Häuser von Infizierten zu desinfizieren (in seiner Zeit geschah das durch Ausräuchern), Menschenansammlungen zu meiden und so „ein allgemeines Feuer gern dämpfen helfen“.

Wer diese Sicherheitsmaßnahmen nicht ernst nimmt, und sei es aus falsch verstandenem Glaubensmut, den kann er nur als „dummkühn“ bezeichnen. Wer sich hingegen fahrlässig und boshaftig als Infizierter unter Menschen begibt, der braucht nicht den Arzt, sondern „Meister Hans“ (den Henker).

So belegt die Rede von der Strafe Gottes in der christlichen Tradition ist, für mich bleibt sie im eigenen Leben blass und leer. Mir will einfach kein Beispiel einfallen. Klar, nicht alles ist rundgelaufen, doch Strafe konnte ich darin nie entdecken. Selbst in Momenten, wo ich dachte, jetzt wäre ein himmlischer Blitz durchaus angemessen, blieb der Himmel ruhig und Gott unverdient geduldig. Das mag anderen anders gehen. Ich habe Gott immer neu geduldig und freundlich erlebt. In Sachen Strafe Gottes fehlt mir jede biographische Kompetenz – was ich gern zugebe. 

Zweifel

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Markus 9,24 – Jahreslosung 2020

Jesus, Petrus, Jakobus und Johannes kommen von einer Art Exkursion zurück und sind voller Eindrücke, die sie mit den anderen Jüngern teilen wollen. Doch dazu kommt es nicht: An ihrem Lagerplatz herrscht ein heilloses Durcheinander. Der Hintergrund war folgender: Ein Vater hatte seinen kranken Sohn zu den übrigen Jüngern gebracht, damit sie ihn heilen. Doch die Jünger wussten ihm nicht zu helfen. 

Jesus lässt sich die Krankengeschichte des Jungen erzählen: Er litt unter heftigen Anfällen und gefährdete damit sich und andere. Man kann sich vorstellen, wie verzweifelt sein Vater war und wie enttäuscht, dass ihm keiner weiterhelfen konnte.

Diese Enttäuschung klingt in den Worten nach, die er an Jesus richtet: „Wenn du kannst, dann hilf uns!“ Ob Jesus mehr draufhat als seine Azubis? Das Zutrauen des Mannes hatte einen Knacks bekommen. Und doch bittet er Jesus um Hilfe. Der spielt den Ball zurück und verweist auf die Macht des Vertrauens: „Wer glaubt, kann alles!“

Jesus hat seinen Satz noch nicht beendet, da bricht es aus dem Vater heraus: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Der Mann will ja glauben. Er hofft, dass Jesus helfen kann. Und zugleich gehen ihm hundert Fragen durch den Kopf: Was, wenn Jesus ähnlich überfordert ist wie seine Jünger? Sein Glaube wackelt. 

Gibt es Vertrauen überhaupt ohne den Zweifel? Ist nicht jeder Glaube mit Fragen behaftet? Die Geschichte lässt das offen. Eins bleibt jedoch nicht offen: Jesus heilt den Sohn des zweifelnd glaubenden Vaters. Ihm reicht das. 

Ich muss mir nicht erst sicher sein, ich muss nicht alle drängenden Fragen geklärt haben, bevor ich Glaubenserfahrungen machen kann! Jesus nimmt auch mein wackliges Vertrauen ernst.

Nichts zu lachen?

(Bildrechte: Andreas Praefcke; https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/legalcode)

Wer über die Bamberger Domstraße an St. Peter und Georg vorbeiläuft, dem streckt die Christusfigur über dem Fürstenportal segnend die Hände entgegen. Sie lädt zum Verweilen und Eintreten ein – leider wird diese Tür nur noch zu besonderen Anlässen geöffnet.

Ganz nebenbei positioniert sich der Bildhauer aus dem 13. Jahrhundert in einer damals heiß umstrittenen Frage, nämlich ob Jesus je gelacht habe und ob das seinen Nachfolgern gut anstehe.

Nach der gängigen Lehrmeinung sah man das Lachen eher kritisch. Johannes Chrysostomos hatte die Meinung vertreten, Jesus habe nicht gelacht, und seine Jünger sollten eher weinen und so ihre Bußfertigkeit ausdrücken. Benedikt von Nursia warnte in seiner Mönchsregel gleich mehrfach vor dem Lachen. Dem pflichtet Jorge von Burgos, der blinde Bibliothekar aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“ bei: „Das Lachen dagegen schüttelt den Körper, entstellt die Gesichtszüge und macht die Menschen den Affen gleich.“

Eine Ausnahme bildete Franz von Assisi: „Zeigt in allen Leiden und denen gegenüber, die euch quälen, ein lächelndes Gesicht“.

Die Szene über dem Portal ist zweigeteilt – und auf beiden Seiten wird gelacht. Die Gruppe auf der rechten Seite wirkt amüsiert, doch ihr Lachen ist verkrampft und gekünstelt. Ihr Problem: Sie schauen den Betrachter an, sehen die Auslagen in den Geschäften und das bunte Treiben, doch den segnenden Christus sehen sie nicht.

Wie anders die linke Gruppe: Sie lachen befreit und vergnügt. Sie lachen, weil sie gesegnet sind. Ihr Blick ist auf Christus gerichtet, die Quelle ihrer Freude.

„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit. Gott nahm in seine Hände meine Zeit.“

Hanns Dieter Hüsch

Josef, Marias Mann

Im Madrider Prado steht diese Darstellung der Anbetung der Heiligen drei Könige. Die stattlichen Männer erweisen dem frühreifen (selbst sitzenden) Jesus ihre Ehrerbietung. Den Platz an Marias Seite nimmt nicht etwa ihr Mann, sondern ein Esel ein. „Josef ist ein Esel, Josef ist ein Esel!“ Mit diesen Worten mögen Kinder vergangener Zeiten um das Altarbild herumgetollt sein. Und in der Tat: Josef hockt im Hintergrund, zusammengekauert am Feuer unter einem schäbigen Vordach. Hieronymus Bosch treibt die Demontage Josefs auf die Spitze. Er hat ihn aus der Krippenszene ausquartiert und zum Windelnwaschen angestellt! 

Wie konnte es nur soweit kommen, dass Josef, der „Sohn Davids“ (Matthäus 1,20), aus der Grundgeschichte des Christentums ausgeschieden wurde? Hat es die christliche (von Männern dominierte) Tradition nicht verwinden können, dass Josef seiner Verlobten ihre Affäre mit dem Heiligen Geist einfach durchgehen ließ? Konnte sie es nicht ertragen, dass hier ein Mann nur eine Nebenrolle spielte? Musste sie ihn verunglimpfen, weil er sich nicht durchsetzte wie ein Josef Ackermann oder ein Joseph („Joschka“) Fischer?

Dabei ist Josef ein durch und durch bemerkenswerter Mann, obwohl von ihm – anders als von seinem Adoptivsohn – kein einziger Satz überliefert ist. Er hat die große Kränkung – eine schwangere Verlobte – großherzig überwunden. Er hat Maria und ihr künftiges Kind in seine königliche Abstammung einbezogen und beiden damit ein respektiertes Leben ermöglicht. Diese Leistung wird nicht dadurch geschmälert, dass sie einem himmlischen Input folgte. Sich etwas sagen lassen können ist eine weitere Qualität dieses erstaunlichen Mannes.

© 2020 Schäferblog. Alle Rechte vorbehalten.

Thema von Anders Norén.